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Der Umkehrstab: An sich nichts Neues, aber dennoch wird viel falsch gemacht...

Grundlagen Trading

[Derivate Magazin I Michael Voigt] - W√§hrend der T√§tigkeit als institutioneller H√§ndler wird man immer wieder feststellen, dass vielen Anlegern und Tradern ‚Äď egal ob Anf√§nger oder Fortgeschrittene ‚Äď die grunds√§tzliche Einsicht in den B√∂rsenhandelsprozess fehlt. Ihr Fachwissen ist oft unzureichend. Gerade die tagt√§gliche Praxis erfordert aber ein fundiertes Wissen um die Materie und die daraus resultierenden Zusammenh√§nge. Obwohl die blo√üe Anwendung von Geldanlage- oder Trading-Strategien an sich sehr simpel ist, gestaltet sich der Entwicklungsprozess wesentlich schwieriger. Bereits bei der ersten Order wird der Anleger bzw. Trader mit dem gro√üen Themenbereich konfrontiert, der f√ľr das erfolgreiche Anlageverhalten von Bedeutung ist und mit der Frage: Wo entsteht √ľberhaupt Bewegung im Markt? umrissen werden kann. Kurz: Es geht um die Markttechnik. In dieser Ausgabe wollen wir Ihnen einen kleinen Baustein n√§her bringen: den Umkehrstab.

Erster Schritt ‚Äď die Definition

Zwei St√§be erlangen beim markttechnisch orientierten Trading besondere Bedeutung: Der erste ist der an dieser Stelle nicht behandelte Innenstab, dessen Merkmale u.a. bei der Stoppsetzung Ber√ľcksichtigung fi nden. Der zweite ist der Umkehrstab, dessen Bedeutung als Einstiegssignal dargestellt werden soll:

Wir sehen in Abbildung 1a, dass Bar 1 ansteigt. Der ihm folgende Bar 2 ist f√ľr unsere Betrachtung von haupts√§chlicher Bedeutung. Er ist dadurch kennzeichnet, dass der Markt in H√∂he des Schlusskurses von Bar 1 er√∂ffnet und in der Folge weit √ľber sein Hoch gehandelt wird. Diese Hochpunkte werden jedoch nicht gehalten, der Markt f√§llt innerhalb der Periode wieder ab.

Besonders wichtig ist hier, dass der Markt unterhalb der Er√∂ffnung der Periode schlie√üt, wobei in diesem Fall das Tief des Bar 2 sogar noch ein St√ľck tiefer liegt. Der nachfolgende Bar 3 er√∂ffnet innerhalb der Kursspanne von Bar 2, wird im Laufe der Periode unter das Tief von Bar 2 gehandelt und schlie√üt noch tiefer. Da der Bar 3 die gleiche Richtung aufweist wie Bar 2, ist f√ľr die weitere Betrachtung dieser Grafi k lediglich Bar 2 von Interesse. Dieser stellt den Umkehrstab zu Bar 1 dar.

Achtung: keine Candlestick Formation

Diese Beispielgrafik darf nicht mit der Candlestick-Formation ‚ÄěShooting Star‚Äú verwechselt werden. Diese besteht aus drei Bars bzw. Candlesticks, w√§hrend es in dieser Ausf√ľhrung nur um den Bar 2 im Speziellen geht.

Was könnte passiert sein?

Wichtig f√ľr das markttechnisch orientierte Trading ist, was innerhalb dieses Umkehrstabes mit Angebot und Nachfrage passiert. Betrachten wir dazu noch einmal den Bar 2. Dieser er√∂ffnet in der N√§he des vorherigen Schlusskurses. Im weiteren Verlauf der Periode muss die Nachfrage das Angebot √ľberwogen haben, da die Kurse angestiegen sind. Aber pl√∂tzlich wechseln Angebot und Nachfrage enorm. Folgendes k√∂nnte passiert sein: Kurz nach Markter√∂ffnung wurden Einstiegsorders f√ľr Long-Positionen ausgel√∂st, wodurch der Markt weiter anstieg. Beispielsweise von Marktteilnehmern, die noch nicht positioniert sind, bzw. von Tradern, die ihre Position aufstocken und nicht zu vergessen jene, die ihre Short-Positionen glattstellen wollen oder m√ľssen.

In den oberen Bereichen der Kursspanne kommt es nun zu ersten Gewinnmitnahmen. Wir erinnern uns: Um eine Long-Position glattzustellen, muss die entsprechende Kontraktmenge short eingegangen sein, es muss also verkauft werden. Die nun sinkenden Kurse könnten in den niedrigeren Zeiteinheiten liegende Trailingstopps der Händler auslösen, wodurch die Kurse weiter fallen. Weitere Marktteilnehmer sind zusätzlich bereit, auf fallende Kursnotierungen zu spekulieren. Dies stellt ein mögliches Szenario von vielen dar; wichtig ist jedoch, dass während dieser Periode der Eröffnungskurs nicht gehalten werden konnte, sondern die Periode unter dem Eröffnungskurs schließt. Beachten Sie, dass der Umkehrstab im Sinne dieses Beispieles nur dann vollständig ist, wenn der Schlusskurs unterhalb der Eröffnung liegt. Wir haben dann einen Short-Umkehrstab vorliegen.

... es gibt f√ľr beide Richtungen einen Umkehrstab

Betrachten wir nun den Long-Umkehrstab in Abbildung 1b. Auch hier ist der Umkehrstab mit einer 2 gekennzeichnet. Durch den Bar 1 wird deutlich, dass der Markt gefallen ist. Innerhalb des Bar 2 wird der Markt weiter nach unten gehandelt. Das Angebot √ľberwog die Nachfrage. Die Marktteilnehmer waren eher zum Verkauf bereit als zum Kauf. Pl√∂tzlich, innerhalb der Periode, wechselt das Verh√§ltnis von Angebot und Nachfrage massiv. Der Markt wird von seinen Tiefpunkten √ľber die Er√∂ffnung hinaus nach oben gehandelt und schlie√üt oberhalb dieser Marke. Der Markt konnte die Tiefpunkte nicht halten. Zu diesen Kursen waren mehr Marktteilnehmer zum Kauf (Long) als zum Verkauf (Short) bereit.

Auch hier k√∂nnen Gewinnmitnahmen ‚Äď aus bestehenden Short-Positionen ‚Äď und Positionsneuer√∂ffnungen in die Long-Richtung f√ľr den Richtungswechsel im Kursverlauf verantwortlich gewesen sein. Der nachfolgende Bar 3 steigt √ľber den Umkehrstab 2 hinaus und best√§tigt diesen. Wichtig ist auch hier der Grundgedanke, dass es sich bei dem Umkehrstab nicht um eine aus drei Bars bestehende Formation handelt, sondern es immer nur um den Bar 2 geht.

Der Umkehrstab ist also dahingehend definiert, dass es Long- und Short-Varianten gibt:

> Der Short-Umkehrstab markiert neue Hochs gegen√ľber der vorhergehenden Periode. Diese neuen Hochs werden aber nicht gehalten, und die Periode schlie√üt unterhalb ihrer Er√∂ffnung.

> Der Long-Umkehrstab markiert neue Tiefs gegen√ľber der vorhergehenden Periode. Diese Tiefstkurse werden nicht gehalten, und der Markt steigt innerhalb der Periode an. Die Periode schlie√üt oberhalb ihrer Er√∂ffnung.

Die Positionierung

Betrachten wir nun Abbildung 2a. Bar 1 zeichnet einen Markt, bei dem die Nachfrage das Angebot √ľberwog. Die K√§ufer waren bereit, auch zu h√∂heren Kursen zu kaufen. (Wichtiger Hinweis: Mit dieser Aussage ist aber keinerlei Aussage √ľber Trend oder Trendrichtung verbunden. Es geht hier einzig und allein um die Betrachtung der einzelnen Perioden.) Im Bar 2 wird der Markt weit nach oben gehandelt gegen√ľber Bar 1 ein neues Hoch markiert. Pl√∂tzlich √ľberwiegen jedoch die Verk√§ufe, und der Markt f√§llt und schlie√üt unterhalb seiner Er√∂ffnung.

Wenn die beiden Bars 1 und 2 zueinander betrachtet werden, ohne auf den weiteren r√ľckw√§rtigen Chart zu achten, erscheint f√ľr das kurzfristig orientierte Trading eine Short-Position die bessere Alternative. Eine Long-Position w√ľrde auf den ersten Blick keinen Sinn machen, da wir beim Betrachten des Bar 2 sehen, dass der Markt die Hochpunkte nicht halten konnte. Es waren mehr Marktteilnehmer bereit, zu diesem Kurs zu verkaufen, als K√§ufer am Markt waren. An dieser Stelle k√∂nnte √ľber die Betrachtung von Angebot und Nachfrage eine kurzfristige Short-Position eingegangen werden. Der Einstieg w√ľrde beim Unterschreiten des Umkehrstabes erfolgen.

Den Stopp gibt der Markt vor

Gleichzeitig ist zu der eingegangenen Position ein markanter Kurs zum Ausstieg vorhanden. Sollte der Trader diesen Umkehrstab zum kurzfristigen Handel nutzen, k√∂nnte er den Stopp kurz √ľber bzw. genau auf den Hochpunkt des Umkehrstabes setzen, denn dieser Hochpunkt war der Kurs, an dem die Verk√§ufe g√§nzlich die K√§ufe √ľberwogen (kurzfristiger lokaler Wendepunkt). Dadurch, dass der Ausstieg (also der Stopp) durch das Hoch des Umkehrstabes markiert ist, wird ein Stopp nicht subjektiv oder diskretion√§r zu setzen sein. Abbildung 2b ist analog zu der Beschreibung zu Abbildung 2a zu sehen.

Resultat: Der Umkehrstab erfordert eine Bestätigung.

Im allgemeinen Trading wie auch beim markttechnisch orientierten Trading, besonders aber im speziellen Fall des Umkehrstabes, ist vor einer Positionser√∂ffnung die Best√§tigung des Signals abzuwarten, um eine vorschnelle Positionierung zu vermeiden. Eine Best√§tigung des Umkehrstabes liegt dann vor, wenn die n√§chste Periode das Tief (Short-Umkehrstab) unter- bzw. das Hoch (Long-Umkehrstab) √ľberschreitet.

Kurz: Es reicht aus, dass die dem Umkehrstab folgende Periode die genannten Punkte ber√ľhrt, ohne auch dort schlie√üen zu m√ľssen. Daher wird in Abbildung 3 eine Einstiegsorder am Tief des Umkehrstabes platziert. Sollte nun innerhalb der n√§chsten Periode der Tiefpunkt unterschritten werden, so wird die Position er√∂ffnet. Es muss nicht auf das Ende der n√§chsten Periode gewartet werden.


Dennoch: Nicht jeder Umkehrstab zieht einen Einstieg nach sich. Betrachten wir nachfolgende Unterscheidung f√ľr den Einstieg: Die Ausgangslage (linke Grafik in Abbildung 3) deutet an, dass der Short-Umkehrstab (blau markiert) als solcher erkannt wurde, eine Einstiegsorder f√ľr eine Short-Position am Tief des Umkehrstabes liegt und die neue Periode gerade begonnen hat. Die betrachtete Zeiteinheit ist nebens√§chlich.

Die rechts von der Ausgangslage stehenden Grafiken zeigen nun die verschiedenen Möglichkeiten, die hieraus entstehen können. Hinweis: Die dem Umkehrstab folgende Periode wird der Einfachheit halber als beendet angesehen.

Abnehmende Zeiteinheiten

Jedem Trader ist klar, dass liquide M√§rkte in allen Zeiteinheiten saubere Bar- oder Candlestick-Charts erm√∂glichen. Ergo: Je kleiner die Zeiteinheit, desto geringer die Bedeutung und Signifikanz s√§mtlicher Formationen, also auch der Candlestick-Muster oder der Zuordnungen der Bars zueinander (beispielsweise Innenst√§be). Dies gilt nat√ľrlich im gleichen Ma√üe auch f√ľr die hier behandelten Umkehrst√§be. Das hei√üt, dass die Defi nition zwar nach wie vor G√ľltigkeit hat, aber ein Umkehrstab auf einer Zeiteinheit von einer Minute eine andere Wertigkeit aufweist als ein Umkehrstab auf Tagesbasis.

Diesen Unterschieden der Wertigkeiten liegen prinzipiell allen technischen Analysemethoden zugrunde. Zu erkl√§ren ist dies damit, dass mit abnehmenden Zeiteinheiten die Form eines Bar durch die fest defi nierte Zeitdauer des Charts auch rein zuf√§llig entstehen kann. Anders formuliert: Mit abnehmender Zeiteinheit nimmt, bedingt durch das hierdurch in den einzelnen Bar integriert abnehmende Volumen, auch die Wertigkeit eines einzelnen Bars ab und die Zuf√§lligkeit seiner Darstellungsform zu. Ein Bar im Zeitfenster 1-Minute wird z.B. nach genau einer Minute geschlossen bzw. beendet. W√ľrde dieser Bar hingegen noch zehn Sekunden l√§nger andauern, k√∂nnte er auf Grund der l√§ngeren Zeitspanne v√∂llig anders aussehen. Dadurch w√ľrde der Bar eine ganz andere Bedeutung bekommen, ohne dass dies mit Volumen oder einer gro√üen Anzahl von Marktteilnehmern unterlegt ist.

Durch h√∂here Zeiteinheiten entstehen als logische Konsequenz auch h√∂here Kursspannen zwischen Hoch- und Tiefkursen der einzelnen Bars. Im weiteren Gedankengang w√§re somit bei einem Handel eines Umkehrstabes auf einer Zeiteinheit von 60 Minuten der Stopp (die Differenz zwischen dem Einstieg und dem Ausstieg) viel weiter entfernt als bei einem angenommenen Umkehrstab auf f√ľnf Minuten. Die h√∂chste Wertigkeit der Umkehrst√§be ist auf der Zeiteinheit Tagesbasis zu fi nden. Hier sind die meisten Marktteilnehmer in die Entstehung dieses Umkehrstabes integriert.

Beispiel

Abbildung 4a und 4b sind nur unter dem Gesichtspunkt zu lesen, ob in den nachfolgenden Perioden eines Umkehrstabes kurzfristig f√ľr ein bis zwei Perioden Bewegung aufkommt. Abbildung 4a zeigt den Verlauf des DAX-Future auf Tagesbasis, Abbildung 4b auf 30- Minuten. Einige der Umkehrst√§be, durch die es anschlie√üend zu einer Positionser√∂ffnung kommen k√∂nnte, sind gr√ľn (Long) bzw. rot (Short) markiert. Umkehrst√§be, bei denen es im Nachgang zu keiner Positionierung kommt, sind mit einem Kreuz markiert.

Genaue Betrachtung ist immer erforderlich

Am markierten Umkehrstab Mitte M√§rz in Abbildung 4a ist die Defi nition noch einmal deutlich zu erkennen: Der Markt er√∂ffnet bei ca. 6520 Punkten und erreicht neue Tiefs. Der DAX-Future f√§llt weit unter das Vortagestief. Diese neuen Tiefpunkte kann der Markt nicht halten. Viele Inhaber von Short-Positionen sind bereit, ihre Positionen zu schlie√üen, und viele Trader nehmen auch m√∂gliche Long-Positionen ein. Anschlie√üend steigt der Markt √ľber den Er√∂ffnungskurs. Bei ca. 6560 Punkten schlie√üt er den Handel. Hiermit ist die Defi nition eines Umkehrstabes erf√ľllt.

Am n√§chsten Tag wird dies aber nicht automatisch eine Long-Position nach sich ziehen, denn eine Position kann nur dann er√∂ffnet werden, wenn der Markt √ľber das Hoch des Umkehrstabes steigt. Sollte der Umkehrstab wirklich einen kurzfristigen Wendepunkt darstellen, so muss dieses durch ein √úberschreiten des Tageshochs best√§tigt werden. Wie sich am n√§chsten Tag, also in der n√§chsten Periode, herausstellt, wird das Vortageshoch des Umkehrstabes gleich zur Er√∂ffnung durch das Gap erreicht. Eine entsprechende Einstiegsorder k√§me daher zur Ausf√ľhrung. Der Markt steigt an den Folgetagen weiter an.

Wir sehen, dass bei vielen markierten, also bestätigten Umkehrstäben im Nachgang eine Bewegung des Marktes in die Richtung des Umkehrstabes entsteht. Der Markt bekommt kurzzeitig beim Überschreiten/Unterschreiten der Trigger-Linie einen Bewegungsschub. Die folgenden Perioden zeichnen sich durch eine relativ hohe Punktespanne aus. Diese Bewegung hält kurzfristig mindestens ein bis zwei Perioden an. Hinweis: Wir stellen fest, dass es in den drei Beispielen zu sehr vielen nacheinander auftretenden Umkehrstäben kommt.

Die Lage des Umkehrstabes ist entscheidend

Die Betrachtung der Umkehrstäbe und des eventuell anschließend aufkommenden Marktschubes wurden bisher noch losgelöst von der Trendrichtung (Bewegung und Korrektur) vorgenommen. Diese Merkmale werden in den nun folgenden Abschnitt erläutert.

Die Vielzahl der vorhandenen Umkehrst√§be macht diese Forma tion als Einstiegssignal auf den ersten Blick unpraktikabel. Daher ist es f√ľr den Trader wichtig, einen Umkehrstab mit dem vorhandenen Chartbild abzustimmen, um so ein tieferes Verst√§ndnis f√ľr dessen Bedeutung zu erlangen. Betrachten wir diesen Gedankengang unter der Ber√ľcksichtigung, dass es innerhalb eines Umkehrstabes zu einem massiven Wechsel von Angebot und Nachfrage kommt. Genauer, der Umkehrstab ist eigentlich als kurzfristig lokaler Wenddepunkt im Chart anzusehen. Ob dieser Wendepunkt nun Sinn macht oder keinerlei Bedeutung hat, entscheidet einzig und allein die Lage des Umkehrstabes innerhalb eines Trends.


Was könnte der Umkehrstab einleiten? Die Korrektur oder die Bewegung?

Den behandelten Umkehrstab gilt es im Zusammenspiel mit den Merkmalen eines markttechnisch defi nierten Trends zu ergr√ľnden. Betrachten wir dazu Abbildung 5. Zur Erinnerung: Ein Trend untergliedert sich in Bewegung und Korrektur. Dadurch, dass Umkehrst√§be eine √Ąnderung der Marktrichtung einleiten k√∂nnten, sind sie vermehrt an den Wendepunkten zwischen Bewegung und Korrektur anzutreffen. Dort erlangen sie durch ihre Lage im Chart ihre gr√∂√üte Bedeutung.

Schematische Darstellung der Gedanken

Wenn wir die Lage der Umkehrst√§be als optischen und praktischen Filter einsetzen, kommen wir zu folgender √úberlegung: Der markttechnische Trendaufbau eines betrachteten Charts ist gegen√ľber der Betrachtung und Analyse eines einzelnen Bars als h√∂herwertige Analyse anzusehen. Durch das Gesamtbild erh√§lt der Trader Informationen √ľber Trend, Bewegung und Korrektur. Erst hieraus kann er ableiten, ob in dem einzelnen Bar √ľberhaupt Bewegung entstehen k√∂nnte. Das hei√üt, der Trader muss zuerst den vorliegenden Trend defi nieren. Dabei ist es unwichtig, ob dieser sich gerade erst herausgebildet oder schon mehrere markttechnisch defi nierte Korrekturen und Bewegungen markiert hat. Erst jetzt betrachten wir den einzelnen Bar, und erst jetzt ergibt sich der Sinn eines Umkehrstabes, siehe Schemata in Abbildung 6. Interessant sind nun n√§mlich nur noch zwei Arten von Umkehrformationen:

> Umkehrstäbe, die in Trendrichtung verlaufen, und
> Umkehrstäbe, die nach einer bereits weit gelaufenen Bewegung auftreten.

Umkehrstäbe, die in Trendrichtung verlaufen

Umkehrst√§be, die in Trendrichtung verlaufen, k√∂nnen sowohl innerhalb der Bewegung als auch innerhalb der Korrektur auftreten. Prinzipiell sind die Umkehrst√§be innerhalb der Korrektur von gro√üem Interesse. Diese k√∂nnten n√§mlich eine Beendigung der Korrektur andeuten und Hinweise darauf geben, dass der Markt sich am Beginn einer neuen Bewegung befi ndet. Aus der Sicht der Markttechnik ist der Trendbestandteil Bewegung, derjenige, die den saubersten und schnellsten Kursverlauf liefert. Daher zeigen die Umkehrst√§be innerhalb einer Korrektur oftmals ideale Einstiege, um genau den Anfang dieser Bewegung zu erwischen. Daraus folgt, dass im Aufw√§rtstrend und besonders in einer gerade stattfi ndenden Korrektur alle Long-Umkehrst√§be vom hohen Nutzen sein k√∂nnen, denn dort ergeben sie einen Sinn und erhalten eine besondere Wertigkeit (Diese Aussage gilt nat√ľrlich analog f√ľr die Short-Umkehrst√§be). Umkehrst√§be, die innerhalb des Trendbestandteils Bewegung in Trendrichtung auftreten, sind ohnehin in den Handel mit einzubeziehen.

Umkehrstäbe, die nach einer lang laufenden Bewegung auftreten

Umkehrst√§be weisen auch dann eine hohe Signifi kanz auf, wenn sie im Laufe einer l√§ngeren Bewegung entgegengesetzt zur Trendrichtung auftreten und somit eine Korrektur einleiten k√∂nnen. Diese Korrektur ‚Äď als Bestandteil eines Trends ‚Äď verl√§uft in der Regel immer unsauber. Das hei√üt, es kommt selten zu schnellen z√ľgigen Kursverl√§ufen (siehe Fachbuch: Das gro√üe Buch der Markttechnik). Sollte nun aber die Bewegung bereits sehr weit √ľber den letzten markttechnisch defi nierten Punkt 2 (lokaler Hoch-Tiefpunkt) gelaufen sein und dieser Kursverlauf im Verh√§ltnis zu den bisherigen Bewegungen des Trends optisch sehr hervortreten, so ist es m√∂glich, nun auftretende Umkehrst√§be zum Handel heranzuziehen. Der Trader w√ľrde dann auf eine z√ľgige gr√∂√üere Korrektur hoffen.

Sollte ein Trader bereits in einem Trend positioniert sein und eine starke Bewegung im Verh√§ltnis zu dem bisherigen Chartverlauf erkennen, so kann ein auftretender Umkehrstab auch f√ľr Gewinnmitnahmen benutzt werden. Hier gilt es jedoch darauf zu achten, dass diese Gewinnmitnahmen erst bei der Best√§tigung des Umkehrstabes realisiert werden. Oftmals bietet es sich an, nur einen Teil der Positionen zu ver√§u√üern. Es sei nochmals hervorgehoben, dass dieser zweiten Art von Umkehrst√§ben eine sehr deutliche Bewegung vorausgegangen sein muss. Machen wir nun einen weiteren Schritt im Umgang mit den Umkehrst√§ben:

Bedeutung f√ľr das markttechnisch orientierte Trading

Nun wird kurz dargelegt, warum ein Einstieg nur am Tief bzw. am Hoch des Umkehrstabes erfolgen sollte. Betrachten wir hierzu den SMI-Future auf Tagesbasis in Abbildung 7a. Die aktiven Umkehrst√§be wurden schwarz markiert. Der rot markierte Umkehrstab d√ľrfte nicht gehandelt werden, da dieser in der Folgeperiode nicht best√§tigt wird: Es kommt nicht zum √úberschreiten des Hochkurses (Trigger-Linie). Betrachten wir jetzt die zwei hervorgehobenen Bereiche in Abbildung 7b, fi nden wir die Antwort auf die Frage: Warum erfolgt der Einstieg erst bei bzw. nach der Best√§tigung? Die beiden Bereiche markieren jeweils den Umkehrstab und den nachfolgenden Bar, der den Umkehrstab best√§tigt.

Ein Umkehrstab stellt oft ein markttechnisch definiertes 1-2-3 in einer kleineren Zeiteinheit dar

Das Verständnis der ineinander greifenden Zeiteinheiten ist ein elementarer Grundbaustein der Marktechnik. Die Inhalte der T&SListe bilden die Grundlage des Charts, und damit die verschiedenen Zeiteinheiten dargestellt werden können, muss die T&S-Liste in Zeitabschnitte unterteilt und in Charts abgebildet werden. Da Abbildung 7a und 7b einen Chart auf Tagesbasis darstellen, umfasst folglich jeder Bar sämtliche Kurse des betreffenden Handelstages. Klappen wir nun die Bereiche 1 und 2 der Abbildung 7b, wie in Abbildung 8a und 8b dargestellt, auf, sehen wir den Handelsverlauf des SMI-Future auf einer Zeiteinheit von zehn Minuten.

Durch das Aufklappen der Zeiteinheit sind nun beide Umkehrst√§be (Bereich 1 und 2) jeweils als deutliches 1-2-3 ersichtlich. Der Einstieg in ein vorhandenes 1-2-3 kann nur √ľber bzw. unter dem Punkt 2 erfolgen.

Dieser Punkt 2 stellt auf der höheren Zeiteinheit jeweils den Tiefpunkt des Umkehrstabes unseres Beispieles dar. Zum besseren Vergleich ist der Verlauf auf Tagesbasis in den Abbildungen 8a und 8b jeweils am rechten Chartrand (gelb unterlegt) schematisch mit eingeblendet.

Hinweis

Nicht jeder Umkehrstab stellt zwangsl√§ufi g ein markttechnisch defi niertes 1-2-3 in einer der untergeordneten Zeiteinheiten dar. Doch in der Regel bilden viele Umkehrst√§be der hohen Zeiteinheiten in einer untergeordneten Zeiteinheit ein 1-2-3 ab und defi nieren somit einen kurzfristigen Trend. Dieser Trend ist nur in der untergeordneten Zeiteinheit ersichtlich und trifft noch keinerlei Aussagen √ľber einen m√∂glichen Trend in jener √ľbergeordneten Zeiteinheit, in der der Umkehrstab auftritt. So spielt die untergeordnete Zeiteinheit beim Handel auf der √ľbergeordneten Zeiteineinheit keine Rolle. Bei der vorliegenden Erl√§uterung ging es ausschlie√ülich darum, die Gr√ľnde f√ľr das eventuelle und kurzfristige Auftreten von Bewegung im Markt aufzuzeigen. Hieraus ergibt sich au√üerdem die beim Handel eines Umkehrstabes zwingende Notwendigkeit des Einsatzes von Trailingstopps und deren korrekter Verwendung.

Einstiegssignal gleich Ausstiegsignal?

Hier muss der Trader sehr aufpassen. G√§ngige Praxis im Trading ist die Aussage, dass das Einstiegssignal auch zum Ausstieg ‚Äď weil Gegensignal ‚Äď genutzt werden kann bzw. sollte. Dies r√ľhrt von der Tatsache her, dass ein nicht positionierter Trader solch ein Gegensignal f√ľr seinen Einstieg nutzen k√∂nnte. Das hei√üt, durch den Umkehrstab ist ein Positionseinstieg gegeben, der gleichzeitig einen Ausstieg defi niert. Im Umkehrschluss folgt, dass eine durch den Umkehrstab er√∂ffnete Position durch einen Umkehrstab in die entgegengesetzte Richtung geschlossen (oder gar gedreht) werden m√ľsste.

Diese Aussage besitzt jedoch keine Allgemeing√ľltigkeit. Vielmehr muss der Trader sehr aufpassen und diese Aussage im Kontext der jeweiligen Situation analysieren. Nicht jedes Signal einer Einstiegsregel hat an jeder Stelle im Chart dieselbe Bedeutung bzw. Aussagekraft.

Warum werden in einer Position weitere Umkehrstäbe ignoriert

Nun, der Grund hierf√ľr ist sehr schnell gefunden und schlie√üt nahtlos an die Argumentation der vorherigen Abbildung 8b an. Die Ursache ist, dass dem Trader der Ausstieg wichtiger ist als der Einstieg. Das hei√üt, der Trader hat eine optimale Stoppregel, und diese hat, f√ľr sich allein genommen, ihren Ausstiegsalgorithmus und bedarf keiner weiteren Spezialf√§lle. Die Beachtung der Innenst√§be (markttechnisch zweiter relevanter Bar) muss dem Trader aber immer wichtiger sein als die Beachtung der einzelnen Periode. Daher misst er dem Einstiegssignal ‚Äď Umkehr stab ‚Äď in diesem Fall keine zu hohe Bedeutung zu. Er hofft einfach auf einsetzende Bewegung und gibt dem Warum f√ľr den Einstieg eine eher untergeordnete Bedeutung. Der Trader wei√ü, dass fast ausschlie√ülich der Ausstieg und damit der Stopp √ľber ‚ÄěSekt oder Selters‚ÄĚ entscheidet.

Vorläufige Zusammenfassung

Der Grundgedanke der hier behandelten Umkehrstäbe ist, dass es in einem Chartverlauf Perioden (Bars) gibt, die ihre neu markierten Höchst- bzw. Tiefstkurse nicht halten können und unterhalb ihrer Eröffnung schließen. Damit ist der Leitgedanke des Umkehrstabes folgender: Wenn es innerhalb einer Periode zu einem starken Wechsel zwischen Angebots- und Verkaufsdruck kommt, kann nachfolgend (in den nächsten Perioden) dadurch kurzfristige Bewegung entstehen.

Mit zunehmender Gr√∂√üe der Zeiteinheit steigt auf Grund des gr√∂√üeren integrierten Volumens und der Menge der Marktteilnehmer die Bedeutung und Wertigkeit des Umkehrstabes. In jedem liquiden Future- und Aktien-Markt sind Umkehrst√§be erst ab Zeiteinheiten von f√ľnf, besser noch zehn Minuten f√ľr das Trading von relevanter Bedeutung. Von Umkehrst√§ben in tieferen Zeiteinheiten ist generell abzuraten, da diese auch rein zuf√§llig entstehen k√∂nnen. Weiterhin haben diese Bars durch das fehlende integrierte Volumen keinerlei Aussagekraft f√ľr kurzfristig entstehende Bewegung.

Die Defi nition des Umkehrstabes beinhaltet, dass eine Positionser√∂ffnung erst stattfi nden kann, wenn der Markt diesen Umkehrstab best√§tigt. Diese Best√§tigung wird erreicht, indem der Markt das Tief oder das Hoch des Umkehrstabes in der n√§chsten Periode unter- bzw. √ľberschreitet. Es muss nicht abgewartet werden, bis die folgende Periode schlie√üt, sondern eine Positionser√∂ffnung kann innerhalb dieser Periode erfolgen. Zudem muss die Trendrichtung grunds√§tzlich Beachtung fi nden. Angesichts dieser Kriterien k√∂nnen viele der vorhanden Umkehrst√§be wegen fehlender Relevanz aussortiert werden.

Keine Verwechslung mit Formationen aus der Candlestick-Analyse

Wie bereits zu Beginn erw√§hnt, k√∂nnte mancher Leser auf den Gedanken kommen, die Umkehrst√§be mit den Erscheinungsbildern einzelner Kerzen, Muster oder Formationen der Candlestick-Analyse zu vergleichen. Dies im Besonderen, wenn in den hier aufgef√ľhrten Beispielen Candlestick-Charts verwendet werden. M√∂gliche Verwechslungen k√∂nnten entstehen:

> Der Umkehrstab ist leicht zu verwechseln mit einem Harami, Hammer oder Hanging Man. Die beiden Letzteren setzen jedoch eine lange Lunte bzw. einen langen Docht und einen kleinen K√∂rper voraus. Hier ist es wiederum unerheblich, ob der Schlusskurs oberhalb oder unterhalb der Er√∂ffnung liegt. Diese beiden Bedingungen treffen f√ľr den vorliegenden Umkehrstab nicht zu.

> Der Umkehrstab darf auch nicht mit dem Morning Star oder dem Evening Star verwechselt werden. Anders als der Umkehrstab bestehen diese Formationen aus drei Körpern.1) Außerdem sind die Bedingungen, die an diese Candle-Formationen gestellt werden, nicht mit denen des Umkehrstabes identisch.

> Der Umkehrstab ist ebenfalls nicht zu verwechseln mit der Formation Piercing Line und Dark Cloud Cover, denn hier muss der Er√∂ffnungskurs unter dem Tief der Vorperiode liegen und der Schlusskurs √ľber dem Mittelpunkt der Vorperiode2). Diese beiden Bedingungen treffen f√ľr den Umkehrstab nicht zu.

Bedingungen treffen f√ľr den Umkehrstab nicht zu. Aus diesen Gr√ľnden darf es nicht zu Verwechslungen der hier defi nierten und beschriebenen Umkehrst√§be mit den Mustern der Candlestick-Analyse kommen.

1) In der Möglichkeit der vorzeitigen Positionseröffnung liegt der Unterschied zu diesen beiden Candlestick-Formationen. 2) Dark Cloud Cover dann dementsprechend entgegengesetzt.

√úber den Autor:

Michael Voigt ist langj√§hriger Termin-H√§ndler bei verschiedenen englischen Institutionen. Daneben leitet er Workshops f√ľr Tradinganf√§nger und Seminare f√ľr Fortgeschrittene. Weitere Fragen und Hinweise richten Sie bitte an: info@trainingswochen. de. oder wwwtrainingswochen.de

Dieser Artikel ist erschienen im Derivate Magazin. | Ausgabe 2 | 2007

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