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Halvers Woche: Bei einem Handelskrieg wird Deutschlands Exportstärke zu seiner größten Achillesferse

Börse Frankfurt - Indizes - Marktkommentare - 09.03.2018

9. März 2018. MÜNCHEN (Baader Bank). Der handelsprotektionistische Hammer kreist wieder und der Hammerwerfer heißt Donald Trump. Unter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit kann er leider souverän Strafzölle erheben oder diese erhöhen. Und so will er Importzölle von 25 Prozent auf Stahl und 10 Prozent auf Aluminium einführen.

Trumps Zollstrafen sind zunächst der US-Innenpolitik geschuldet. Im November 2018 finden die nächsten Kongresswahlen statt. Nach diversen Affären ist der amerikanische Präsident derzeit so unbeliebt wie eine Maus im Feinschmeckerrestaurant. Die Demokraten könnten Trumps Republikanern durchaus die Mehrheit wegnehmen. Also muss Trump bei seinen Stammwählern als Rambo, als Verteidiger der US-Handelsinteressen punkten.

Allerdings glaubt Trump tatsächlich daran, dass Handelskriege zu gewinnen sind: Was Amerika nicht importiert, produziert es selbst und stärkt so seinen eigenen Wirtschaftsstandort. Dass dann jedoch die internationale Arbeitsteilung - jeder macht das, was man am besten kann - schrumpft, was zu deutlichen Einbußen bei den global erfolgreichen US-Konzernen, ihren Beschäftigten und natürlich ihren Aktienkurse führt, wird verschwiegen. Der Zusammenbruch der hoch optimierten, globalen Lieferketten könnte sogar stillstehende Laufbänder in der US-Industrie bedeuten.

Der Glaube an den Freihandel ist nirgendwo auf der Welt wirklich fest

Sicherlich sind andere Exportnationen auch keine Heiligen des Freihandels. China sieht sich zwar gerne als Verteidiger des freien Welthandels. Doch genauer betrachtet subventioniert Peking die Preise seines Exportstahls und -aluminiums dermaßen, dass die Konkurrenz in den USA und der EU kaum Überlebenschancen hat.

Und Pharisäertum im internationalen Freihandel gibt es auch in der EU. Während Europa auf in die USA ausgeführte PKWs nur 2,5 Prozent Zoll zahlt, führen US-Autoexporteure in die andere Atlantik-Richtung 10 Prozent ab. Und während Amerika für fast 48 Prozent seiner Importe außerhalb der Landwirtschaft keinen Cent Zoll verlangt, gewährt die EU Zollbefreiung nur für etwa ein Viertel der US-Importe. Europa ist also protektionistischer als Amerika. Diese Sonderbehandlung der Amerikaner Europa gegenüber rührt teilweise noch aus der Zeit des Kalten Kriegs, als Europa als Bollwerk gegen den bösen Sowjet-Iwan gestützt werden sollte.
"Pharisäertum im internationalen Freihandel."

Natürlich sollte sich Europa nicht wie ein Ochse von den USA durch die Außenhandelsmanege führen lassen und als Antwort auf Stahl- und Aluminiumzölle durchaus Importzölle auf Harleys, Feuerwasser, Jeans, meinetwegen auch auf Pampers und Mars, Snickers und Milky Way verhängen. Das wäre aber noch kein Handelsstreit, sondern eher Handelsfolklore.

Einen Handelskrieg gegen die USA kann Deutschland nicht gewinnen

Danach aber würde die Eskalation beginnen. Ein gegenseitiges Hochschaukeln von Handelsbarrieren verursacht zwar Schmerzen auf allen Seiten, allerdings in den USA aufgrund seiner im Vergleich größeren Binnenkonjunktur deutlich weniger als in Deutschland. Wir sind exportlastig, noch viel stärker als Frankreich und Italien. Ein paar Fakten: Amerika ist für deutsche Autobauer nach der EU der zweitbedeutendste Absatzmarkt. Daimler, BMW und VW haben 2017 mehr Autos in die USA ausgeführt als nach China. Und dabei habe ich andere deutsche Vorzeigebranchen mit starker US-Präsenz wie Maschinenbau, Elektro und Chemie noch gar nicht genannt.

Richtig fatal wäre es, wenn Trumps Protektionismus nicht nur auf Länder oder Wirtschaftsräume wie die EU, sondern ebenso auf die Unternehmensseite abzielt. Wie im Mittelalter bei der katholischen Kirche käme es dann wieder zu einem Ablasshandel, mit dem man sich von Sünden freikaufen kann. Exportstarken deutschen Unternehmen würden ihre "amerikanischen Ausfuhrsünden" vergeben, wenn sie diese in Form von gehörigen Investitionen und Arbeitsplatzaufbau in den USA sühnen. Und wer so in Amerika Buße tut, wird auch nicht mehr vom obersten Handelsinquisitor Trump bestraft. Wo kein Richter, da kein Henker.

Der Pandabär ist nicht nur süß und freundlich

Wenn Europa als von den USA verschmähte Handelsgeliebte jetzt von China hofiert wird, sollte es die wahren Absichten dieses neuen jugendlichen Liebhabers erkennen. Er ist ein Mitgiftjäger. Er gewährt intensive Handels-Liebesbeziehungen z.B. nur bei deutscher Einwilligung zu umfangreichen Investitionen Chinas in unsere Industrie- und Technologieperlen. Auch die Beteiligung eines chinesischen Investors mit 10 Prozent an Daimler mit Aufsichtsratsposten entspricht dieser vernunftehelichen Logik. Das sind keine Portfolioinvestitionen, sondern strategische Zukäufe. Es werden deutsche Abhängigkeiten von China geschaffen: Nur wenn wir bei euch rein dürfen, könnt ihr bei uns weiter mitmachen. Zusätzlich könnte China versuchen, seine in Amerika verpönte Stahl- und Aluminium-Billigware alternativ bei uns zu entsorgen. Deutschland wäre für China in der Tat eine gute Partie. Doch nirgendwo steht geschrieben, dass wir "Ja" sagen müssen.

Gegen kalten (Handels-)Krieg hilft friedliche Koexistenz

Mit eiskaltem Realismus ist vor allem das politische Berlin angehalten, einen exportpolitischen Totalschaden zu verhindern. Es muss das erste Meisterstück der neuen GroKo sein, die europäischen Polit-Krawallköpfe, die jetzt massive Handelsvergeltung üben wollen, zurückzupfeifen. Trump sollte nicht gereizt werden wie ein Stier mit einem roten Tuch. Im Extremfall treten die USA nach dem Klimaabkommen auch noch aus der Welthandelsorganisation aus. Dann wird Trump auch noch Zölle auf Schwarzwälder Kuckucksuhren und bayerische Bierkrüge erheben.

Herr Trump erinnert mich an meinen früheren Erdkundelehrer, ein Choleriker vor dem Herrn. Damals mussten meine Mitschüler und ich immer sehr diplomatisch agieren, um ihn zu besänftigen. So muss es Brüssel und Berlin auch bei Trump tun. Zum Abbau von Handelshemmnissen könnte die EU die Zölle für amerikanische Güter auf das gleiche Niveau senken wie umgekehrt. Das nähme der Trump-Administration viel handelsprotektionistische Munition.

Erst Recht nach dem Rücktritt des obersten Wirtschaftsberaters Trumps - Gary Cohn als Freihandelsapostel - muss alles getan werden, um einen Rückfall in die nationalökonomische Steinzeit zu verhindern. Doch wird uns das Thema Handelsprotektionismus an den Finanzmärkten wohl noch bis zur Kongresswahl begleiten. Solange wird Zocker Trump die Nerven der Exportländer weiter strapazieren. Anschließend möge das Thema Handelsprotektionismus weniger heiß gegessen werden als es im Augenblick von Trump gekocht wird.

Europa muss endlich (wirtschafts-)politisch erwachsen werden

Aber auch ein Plan B wäre für Europa und Deutschland wichtig. Um dem deutschen Exportüberschuss entgegenzuwirken, wären erstens massive staatliche Infrastrukturinvestitionen in die heimische volkswirtschaftliche Substanz, in Straßen, Brücken, Energie- und Breitbandnetze und viel Bildung geeignete Maßnahmen. Gegen den international kalten Handels-Krieger Trump braucht man mehr nationale Nestwärme: Ist es draußen kühl und nass, macht es auch zu Hause Spaß.

Zweitens sollte sich Europa über Reformen wirtschaftlich so attraktiv machen, dass Unternehmen auf unserem Kontinent ähnlich festgehalten werden wie ein Gebiss von Haftcreme. Hier allerdings lässt meine Zuversicht nach dem Wahlergebnis in Italien schon deutlich nach. Unklare politische Verhältnisse in Rom deuten nicht auf Aufbruch, sondern auf Weiter so!

Und drittens müsste sich Europa zusammenrotten, ein geopolitisches Gegengewicht zu Amerika und China bilden, damit man mit uns nicht den Molli machen kann. Es ist nicht Gott gewollt, dass Europa als Stück Parmesan zwischen der amerikanischen und chinesischen Käsereibe endet.

Ist Europa dazu in der Lage? Na ja, ich habe meine Wünsche und Hoffnungen ja nicht umsonst im Konjunktiv formuliert.

von Rolver Halver. 9. März 2018, © Baader Bank

Ãœber den Autor
Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank und Halvers Woche Bestandteil des wöchentlichen Kapitalmarktmonitors.

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