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Finanzmarkttrends September 2017 - Editorial: Wie sicher ist der Aufschwung?

HSH Nordbank Research - Bonds - 15.09.2017

Der globale Aufschwung ist bemerkenswert stabil und breit aufgestellt. Die PMI-Einkaufsmanagerindizes f√ľr das Verarbeitende Gewerbe stehen in praktisch allen bedeutenden Wirtschaftsregionen auf Expansion, alle wichtigen Wachstumslokomotiven ‚Äď USA, Europa und Asien ‚Äď stehen unter Dampf. Das Beruhigende an dieser Situation: Selbst wenn eine der Lokomotiven ausfallen sollte, wird der Zug weiter fahren, auch wenn er das ordentliche Tempo nicht ganz wird halten k√∂nnen. Die exportorientierte deutsche Volkswirtschaft gedeiht in diesem Umfeld pr√§chtig. Der Ifo-Index ist weiterhin nahe eines Allzeithochs und die Kapazit√§ten in der Industrie und am Arbeitsmarkt sind nahezu ausgelastet. Und noch etwas: Die wirtschaftliche Schw√§che und die politische Unsicherheit, die viele Investoren in Bezug auf Frankreich zu Beginn des Jahres noch umgetrieben hat, hat sich in das Gegenteil verkehrt. Frankreichs neue Regierung unter Pr√§sident Emmanuel Macron schickt sich an, das Land grundlegend zu reformieren und im Schulterschluss mit Deutschland die W√§hrungsunion zu st√§rken. Aus dem einstigen Sorgenkind, das in Lethargie zu verfallen schien, wird voraussichtlich ein politischer und wirtschaftlicher Motor Europas.

Vorsicht vor Stromschnellen

Und dennoch: Das Bild erinnert auch an einen breiten Fluss, der oberflächlich betrachtet ruhig seinen Weg nimmt, bei genauerem Hinsehen aber von Strudeln und gefährlichen Strömungen durchzogen ist.

Was passiert beispielsweise mit der Weltwirtschaft, sollte Pr√§sident Donald Trump seine protektionistische Politik weiterverfolgen? Der h√§ufig geh√∂rten Behauptung, Trump w√ľrde vollmundig vieles verk√ľnden, aber wenig umsetzen, kann in diesem Fall leider nicht zugestimmt werden. Schon in den ersten Tagen seiner Amtszeit ist das Transpazifische Handelsabkommen, das kurz vor der Ratifizierung stand, vom US-Pr√§sidenten gekippt worden. Das Einreiseverbot f√ľr sieben muslimisch gepr√§gte L√§nder tr√§gt eine nationalistische und protektionistische Handschrift. Das Gleiche gilt f√ľr die Beendigung des so genannten Dreamer-Programms, das unter Pr√§sident Obama den Aufenthalt von Migrantenkindern legalisierte. Vor diesem Hintergrund scheint der Ausgang der Neuverhandlungen zwischen Mexiko, Kanada und den USA √ľber die seit 1994 bestehende Freihandelszone NAFTA vollkommen ungewiss. Auch die Drohung von Trump, das Handelsabkommen Korus mit S√ľdkorea aufzuk√ľndigen, muss ernst genommen werden.

Brexit und das Unfallrisiko

Zu einem R√ľckschlag f√ľr den Freihandel k√§me es auch, falls die sehr z√§h verlaufenden Brexit-Verhandlungen zwischen Gro√übritannien und der EU auf einen harten Bruch ‚Äď konkret: Gro√übritannien w√ľrde auf den Status eines einfachen Mitglieds der Welthandelsorganisation zur√ľckfallen ‚Äď mit der EU zulaufen w√ľrden. Unsicherheit √ľber die wirtschaftliche Entwicklung insbesondere im Vereinigten K√∂nigreich, dem dortigen Bankensektor sowie √ľber die R√ľckwirkungen f√ľr Europa n√§hmen zu und w√ľrden sich in einem erneuten R√ľckgang der Staatsanleihe-Renditen manifestieren.

Die Nordkoreakrise

Eine wesentlich schwerwiegenderen Tragweite h√§tte eine Zuspitzung des Nordkorea-Konfliktes. Von einer milit√§rischen Auseinandersetzung w√§ren vor allem S√ľdkorea und Japan betroffen, die zusammen einen Anteil von knapp 10 Prozent der globalen Produktion an G√ľtern und Dienstleistungen haben und die √ľber komplexe Wertsch√∂pfungsketten eine erhebliche Bedeutung f√ľr den weltweiten Handel haben. Keine Frage: Renditen und Aktienkurse w√ľrden fallen, Risikopr√§mien steigen und die Konjunktur einbrechen.

Das Problem der Schuldenobergrenze

Zu Beginn des kommenden Jahres k√∂nnte die US-Schuldenobergrenze erneut auf die Agenda kommen und Nervosit√§t ausl√∂sen. Die Schuldenobergrenze ist eine Besonderheit in den USA, die eine gesetzliche Begrenzung der Verschuldung vorsieht und bei ihrem Erreichen regelm√§√üig f√ľr erhebliche politische Spannungen sorgt. Im Jahr 2013 war es nach dem Scheitern der Verhandlungen √ľber eine Anhebung der Schuldenobergrenze zu einem vor√ľbergehenden Ausgabenstopp im √∂ffentlichen Sektor gekommen. Nach einem k√ľrzlich geschlossenen Abkommen zwischen Trump und den Demokraten wird die Schuldenobergrenze im Dezember erreicht werden.

Chinas √úberschuldung wirft Fragen auf

Wie gro√ü ist das Risiko, das von China ausgeht? Das Wirtschaftswachstum in China ist √ľberraschend kr√§ftig, so dass das Land in diesem Jahr auf einen BIP-Zuwachs von 6,7 % zusteuert. Das ist in etwa die Gr√∂√üenordnung des letzten Jahres. Gleichzeitig hat sich die Verschuldung im Unternehmenssektor jedoch weiter erh√∂ht und √ľbertrifft mit 150 % des BIP jedes andere Schwellenland. Die Regierung versucht derweil auf der regulatorischen Ebene alles, um eine Finanzmarktkrise schon im Keim zu ersticken. So interpretieren wir jedenfalls den Eingriff in den Handel mit Kryptow√§hrungen, insbesondere mit der Kryptow√§hrung Bitcoin, die in China eine wachsende Rolle gespielt hat. Hintergrund dieser Eingriffe d√ľrfte der massive Anstieg des Bitcoin-Kurses innerhalb eines Jahres von rund 600 US-Dollar auf etwa 4000 US-Dollar gewesen sein. Ein Risiko geht vom Immobilienmarkt aus, wo nach massiven Preisanstiegen ein Preiseinbruch die Baukonjunktur und damit auch das BIP Chinas erheblich treffen w√ľrde. Insgesamt halten wir an unserer Einsch√§tzung fest, dass sich das Wachstum in China verlangsamt und eine Finanzmarktkrise verhindert wird.

Ist die Welt auf eine Zinswende vorbereitet?

Und schlie√ülich die Frage aller Fragen: Wie wird die Welt eine Straffung der Geldpolitik in den USA und in der Eurozone verkraften? Bei einem vorsichtigen Vorgehen der Notenbanken ‚Äď die Fed hat seit Ende 2015 vier Zinsschritte durchgef√ľhrt, weitere vier sollten bis Ende 2018 folgen ‚Äď halten wir die Konjunktur f√ľr ausreichend robust, um mit den dann h√∂heren Refinanzierungskosten fertig zu werden. Bei der Europ√§ischen Zentralbank (EZB) geht es bislang noch nicht um Leitzinserh√∂hungen, sondern um den Beginn des so genannten Tapering. Genau dieser Schritt, dessen Ank√ľndigung wir f√ľr Oktober erwarten, k√∂nnte die Renditen aber relativ kr√§ftig erh√∂hen. Zehnj√§hrige Bunds d√ľrften per Jahresende auf 0,8 % gestiegen sein, von derzeit 0,40 %. In L√§ndern wie Italien und Portugal k√∂nnten die Renditesteigerungen noch etwas h√∂her ausfallen. Werden diese Staaten deswegen in Schwierigkeiten kommen? Eher nicht. Die Konjunktur l√§uft auch im S√ľden Europas mittlerweile relativ rund. Damit steigen auch die Steuereinnahmen und erleichtern es, einen h√∂heren Schuldendienst zu leisten. Dazu kommt, dass h√∂here langfristige Renditen sich nur teilweise in h√∂here Zinszahlungen √ľbersetzen, weil die Laufzeit der Anleihen im Durchschnitt f√ľnf bis sechs Jahre ist.

Wie beim Fußball

Insgesamt lassen wir uns bei unseren Prognosen von den guten Konjunkturdaten leiten und rechnen mit einem globalen Wirtschaftswachstum von 3,5 % in diesem und von 3,7 % im kommenden Jahr. Es wird aber immer wieder Momente geben, bei denen Ereignisse diese Prognosen in Frage stellen. Letztlich ist es wie beim Fußball: Am Ergebnis selber ist nicht zu erkennen, ob das Spiel auch mal auf der Kippe stand.

Redaktionsschluss 14.09.2017

Autor: Cyrus de la Rubia, HSH Nordbank AG - Volkswirtschaft & Research

Hinweis
Der Marktkommentar ist ein Auszug aus dem monatlich erscheindenen Finanzmarkttrends-Bericht der HSH Nordbank. Den vollständigen Bericht und weitere Publikationen erhalten Sie auf unternehmerpositionen.de und HSH-Nordbank.de

Weitere Themen im Kapitalmarktbericht "Rententrends" der HSH Nordbank:
Zinsprognose USA, Zinsprognose Euroland, Konjunkturprognosen, Wechselkurse, Aktienm√§rkte, √Ėlm√§rkte, Konjunkturdaten√ľberblick USA, Konjunkturdaten√ľberblick Eurozone uvm.

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